Leitartikel zu Söder

Regensburg (ots) – Es ist, wieder einmal, ein Kreuz mit den Kreuzen: Dank Markus Söder, bekennender Protestant, begrüßt ab 1. Juni ein Kreuz die Besucher in allen staatlichen öffentlichen Einrichtungen des Freistaats. Gerade bei jungen Menschen stößt der neue bayerische Ministerpräsident damit auf Unverständnis. Denn für sie ist ein Kreuz eben keineswegs „Symbol der kulturellen Identität“, wie Söder argumentiert, sondern ein Symbol des christlichen Glaubens. Junge Bayern definieren sich aber vor allem über Vielfalt, Geselligkeit und Liberalität. Ein Kreuz braucht es dafür nicht. Bayern, das ist Vielfalt: kleine Familienbetriebe neben großen Technologieunternehmen, eine riesige Bandbreite an Dialekten von Schwäbisch bis Fränkisch, Metropolen und kleine Dörfer – der Freistaat steckt voller Kontraste. Sie verbinden Tradition mit Moderne und zeigen, was Bayern zu bieten hat. Traditionsreiche Volksfeste wie die Wiesn, der Franken-Fasching, die weit über den Weißwurstäquator hinaus gelobte Bierkultur, die Alpen: All das assoziieren sowohl Bayern als auch Nicht-Bayern mit dem Freistaat. Ein Land, das offen ist und viele Facetten hat. Bayern, das ist Liberalitas Bavariae: „Leben und leben lassen“, das Motto der Bayern. Die Menschen selbst sagen über sich, dass sie weltoffen und tolerant seien. Diesen bayerischen Wesenszug erkennen Nicht-Bayern zwar oft nur schwer. Doch tief drin steckt in den meisten Bayern Toleranz – es braucht nur seine Zeit, bis man den weichen Kern unter der harten Schale entdeckt hat. Schon lange wirken hier verschiedene Kulturen auf die Bürger ein. In Bayern lassen sich Weltkonzerne nieder. Die Mitarbeiter kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und bringen ihre Kultur mit. Junge Leute entscheiden sich für ein Studium im Freistaat und bringen einen Teil ihrer Heimat mit. Toleranz funktioniert auf all diesen Ebenen bestens. Und natürlich kommen auf diesem Weg auch andere Religionen nach Bayern. Bayern, das ist Geselligkeit: gemütliches Zusammensitzen im Bierzelt, ein Feierabendbier nach dem Fußballtraining in der Kabine, spontane Treffen im Biergarten – die Bayern sind ein offenes Volk. Eine Eigenschaft, die auch Neubürger zu schätzen wissen. Die Tracht hat längst den Weg in die Kleiderschränke von Nicht-Bayern und Touristen gefunden, die sich’s dann in ihrem neuen Gwand auf dem Oktoberfest gut gehen lassen. Seite an Seite schunkeln und singen Amerikaner, Japaner, Türken, Ober- und Niederbayern. Und warum besuchen Asiaten und Amerikaner in Dirndl und Lederhosen das Oktoberfest? Weil sie die bayerische Kultur lieben und Teil dieses erlesenen Kreises der Bayern sein wollen. Zugereiste werden auf diese Weise auf eigenen Wunsch und völlig problemlos in die Festkultur integriert. Natürlich: Bayern, das ist auch Kirche. 76 Prozent der Menschen im Freistaat sind Mitglieder der katholischen oder der evangelischen Kirche. Gerade ältere Gemeindemitglieder sind noch tief verwurzelt im Glauben und den kirchlichen Ritualen. Ein Wochenende ohne Kirchgang ist für sie undenkbar. Doch die Bänke in den Kirchen werden immer leerer. Das mag man bedauern, andere Entwicklungen sind positiv: Die Zeiten, als in Bayern noch streng und hart zwischen katholisch und evangelisch getrennt wurde, sind Gott sei Dank vorbei. Denn nicht alles, was unter dem Kreuz geschah, war ein Akt christlicher Nächstenliebe. Trotzdem: Die Bayern bekennen sich zum Glauben, weit mehr als anderswo in Deutschland. Die Zahl der Kirchenmitglieder stagniert gerade auf hohem Niveau. Wer gläubig ist, ruht in seinem Glauben, auch ohne Kreuz. Und ein echter Bayer weiß, was er an seiner Heimat hat, auch ohne Söders Symbolpolitik.

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