das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zu Özil und Gündogan

Bielefeld (ots) – Als das Schloss Bellevue zuletzt die große Kulisse lieferte, ging es um nicht weniger als eine Regierungskrise im größten EU-Staat. Nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen hatte der Bundespräsident die Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien einbestellt, um vor allem seine SPD auf die staatspolitische Verantwortung einzuschwören. Mit Erfolg. Nun diente der Amtssitz des deutschen Staatsoberhaupts am Pfingstsamstag erneut als Ort eines Krisentreffens. Einige Tage hatte der DFB versucht, den Eklat um die Fotos seiner türkischstämmigen Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan so gering wie möglich zu halten. Dieser Versuch konnte nur scheitern. Immerhin erkannte man in der DFB-Zentrale die politische und vor allem auch gesellschaftliche Dimension der Affäre. Ob DFB-Präsident Reinhard Grindel, DFB-Direktor Oliver Bierhoff oder Bundestrainer Joachim Löw oder alle gemeinsam den Vorstoß wagten, Frank-Walter Steinmeier zu einem Gespräch mit Özil und Gündogan zu bewegen, ist letztlich nicht relevant. Dass der Wunsch von den beiden Fußballprofis ausging, darf allerdings angezweifelt werden. Der Besuch beim Bundespräsidenten des Landes, dessen Nationaltrikot sie tragen, sollte der Schadensbegrenzung im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Russland dienen. Doch am Ende hat das Treffen die Lage nur leidlich verbessert. Auch weil Steinmeier eine ziemlich gewagte These formulierte: »Heimat gibt es auch im Plural. Ein Mensch kann mehr als eine Heimat haben und neue Heimat finden.« Kann man Heimat so beliebig auslegen? Gewiss wäre es klüger gewesen, wenn den Spielern so etwas in den Mund gelegt worden wäre wie »Deutschland ist mein Zuhause, und die Türkei ist meine Heimat«. Denn Heimat gibt es für einen Menschen eben nicht im Plural. Rund um die Affäre haben die Verantwortlichen mit ihren Aussagen bisher meistens daneben gelegen. »Man muss verstehen, wie Türken ticken«, sagte Bierhoff in dem Wissen, dass Özil und Gündogan in Gelsenkirchen zur Welt kamen. Und dass Löw »keine Sekunde« darüber nachgedacht haben will, die beiden Spieler nicht mit nach Russland zu nehmen, ist sogar glaubhaft, macht die Sache aber nicht besser. Denn Löw ist bei dieser Personalentscheidung durchaus befangen: Der Bundestrainer wird von der Agentur des deutsch-türkischen Beraters Harun Arslan vertreten, die auch mit Özil und Gündogan geschäftlich verbunden ist. Obendrein ist die Rede davon, dass Ilkay Gündogan in der türkischen Stadt Dursunbey fünf Millionen Euro in den Bau eines Einkaufszentrums investieren will. Da kann es nicht schaden, wenn man einen guten Draht zur AKP hat – der Partei des türkischen Staatspräsidenten Erdogan.

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