Über Özil, Gündogan und die Zerrissenheit der Deutsch-Türken – Rabiat-Folge „Türken, …

Bremen (ots) – Mitte Mai katapultierte ein Treffen der deutschen Fußball-Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan die Frage in die Schlagzeilen der deutschen Medien: Wo stehen die Deutsch-Türken, wenn es um ein Bekenntnis zu Deutschland und der Türkei geht? Wie sehen ihre Standpunkte und Werte aus?

Rabiat-Reporterin Gülseren Ölcüm nimmt die Zuschauerinnen und Zuschauer in der Radio Bremen-Reportage „Türken, entscheidet Euch!“ mit in die Welt von viereinhalb Millionen Deutsch-Türken. Eine zerrissene Welt voller Verunsicherung, seit die Türkei sich mehr und mehr von demokratischen Werten und von Europa entfernt. Welche Rolle Erdogan spielt? Eine sehr große. Es gibt einen Bekenntniszwang: Deutsche Verfassung oder Erdogan? Türkischer Pass oder der deutsche?

Der 37-jährige Profi-Boxer, Europameister im Weltergewicht, und Erdogan-Gegner Ünsal Arik hat zu dem Treffen eine klare Meinung: „Diese beiden Fußballer haben sich bewusst für Deutschland entschieden, weil sie gewusst haben, sie können hier mehr Geld verdienen. Hätte Yogi Löw Eier bewiesen, hätte er gesagt: Wisst ihr was, Leute, das war falsch, ihr habt euch mit einem Diktator getroffen. Yogi Löw hätte lieber zwei Spieler mitnehmen sollen, die zu Deutschland stehen und das verdient hätten!“ Arik zieht mit seiner Kritik an Erdogan den Hass von Landsleuten auf sich. So gab es Zeiten, in denen er über Personenschutz nachdachte und ihm sein Box-Sponsor jegliche Unterstützung kündigte. Trotzdem boxt er weiter – inzwischen für die Türkei. In den Reihen der Erdogan-Gegner finden sich wegen Ünsal Ariks unbequemer Ansichten ebenfalls viele Feinde.

Aber was ist, wenn man sich nicht entscheiden kann oder will? Und was ist, wenn man beides mag? Deutschland und die Türkei? Gülseren Ölcüm ist das beste Beispiel. Sie hat die doppelte Staatsbürgerschaft und könnte sich für keine entscheiden. Eigentlich stellt sich für sie die Frage nach dem Bekenntnis und der Loyalität gar nicht. Aber überall wird sie auf das Thema angesprochen. Ihr reicht’s. Sie will wissen, was eigentlich los ist mit ihr und mit den Deutsch-Türken hierzulande. Eine sehr persönliche Reise zwischen Erkenntnisgewinn und Zweifel.

Esma Akkus beispielsweise wurde entlassen. Weil sie in ihrem YouTube-Kanal mit Pro-Erdogan-Parolen provoziert. Ihr Arbeitgeber, die örtliche Sparkasse, fand das nicht so witzig. Esma findet das ungerecht. Warum interessieren sich Deutsche plötzlich für türkische Innenpolitik? Warum darf man in einem Land mit Meinungsfreiheit seine Meinung dann nicht sagen, wenn sie nicht mehrheitsfähig ist? „Noch vor einem Jahr hätte ich nie darüber nachgedacht“, sagt die gebürtige Kölnerin, „aber jetzt wandere ich wohl aus in die Türkei.“

Nihan ist YouTuberin und macht Videos zu Beauty, Fashion und Lifestyle. Im September 2017 interviewte sie Martin Schulz – damals noch Kanzlerkandidat der SPD. Jahr für Jahr dekoriert sie ihre Wohnung weihnachtlich, Jahr für Jahr bekommt sie dafür einen Shitstorm. Denn: Türken und Muslime machen das ja nicht. Eigentlich will sich Nihan gar nicht politisch äußern, aber das ist heutzutage gar nicht mehr so einfach: „Die Leute akzeptieren nicht, wenn ich einfach sage, ich bin ein Mensch.“

Ismail Küpeli ist Politikwissenschaftler und seit den 90er Jahren in Deutschland. Seine Eltern sind damals aus der Türkei geflohen. Zur Türkei hat er ein gespaltenes Verhältnis. „Ich glaube, diese Orientierung auf die Türkei ist inzwischen zu einem großen Problem geworden“, sagt Ismail. Sich aber nicht dazu äußern, das kann er sich nicht leisten. Zu hoch der Erwartungsdruck. Und wenn er sich äußert, dann muss er aufpassen, dass er nicht von einer politischen Seite instrumentalisiert wird.

Esma, Ünsal, Nihan, Ismail und Gülseren sind Deutsch-Türken, Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund oder einfach nur Deutsche. Es wäre schön, schnell das passende Label zu finden. Aber so einfach ist das leider nicht – schon gar nicht heutzutage. Ja, Gülseren isst kein Schweinefleisch und mit Alkohol hat sie es auch nicht so. Zum Türken geht sie in Deutschland nur selten, aber ihr Hochzeitskleid kauft sie in der Türkei – weil Mama da besser handeln kann. Und für alles und jedes muss sie sich mittlerweile verantworten, muss erklären – manchmal auch wildfremden Menschen. Eigentlich müssten Menschen wie sie doch längst darüber hinaus sein. Aufgewachsen mit zwei Sprachen, zwei Kulturen. Trotzdem wird ihr von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, aber auch von der deutsch-türkischen Community ein Bekenntniszwang aufgedrängt: Wie stehst du zu Erdogan? Warum trinkst du keinen Alkohol? Wie, du heiratest einen Deutschen? Und so ist Gülseren Ölcüms Rabiat-Reportage „Türken, entscheidet Euch!“ ein ganz persönlicher Blick auf die eigene Identität in der Krise. Eine Krise, die womöglich vielen Deutsch-Türken vertraut sein dürfte.

Stabliste: Autorin: Gülseren Ölcüm Redaktionelle Mitarbeit: Ebru Tasdemir Kamera: Andy Lehmann, Ilhan Coskun Ton: Julian Kiesche, Max Bartusch Schnitt: Christof Kette Producer: Manuel Möglich, Christian Tipke Produktionsleitung: Michael Kappler Redaktion: Michaela Herold (Radio Bremen) Leitung: Thomas von Bötticher (Radio Bremen)

Eine Produktion der Sendefähig GmbH im Auftrag von Radio Bremen für Das Erste © 2018

Rabiat – neues junges Reportageformat von Radio Bremen

Radio Bremen wird rabiat. Der Sender bringt ein Reportageformat ins Erste, das jungen Reporterinnen und Reportern die Möglichkeit gibt, ihre Geschichte für ein großes Fernsehpublikum zu erzählen. Die Autorinnen und Autoren veröffentlichen ihre Reportagen seit knapp zwei Jahren als „Y-Kollektiv“ (https://www.youtube.com/y-kollektiv) für funk, das Contentnetzwerk von ARD und ZDF. Sie sind preisgekrönt, nominiert, mindestens aber auffällig. Journalistinnen und Journalisten mit Haltung und Tiefgang im On, die auch mal voll in die Kamera sprechen. Öffentlich-rechtliche Werte hat das Team verinnerlicht, doch die Schmerzgrenze liegt woanders. Der Fokus richtet sich auf die teilnehmende Beobachtung, das Kennenlernen, das Erleben. In den sechs Reportagen der Staffel, die ab dem 30. April 2018 immer montags um 22:45 Uhr im Ersten laufen, sind sie ganz nah dran; ob bei einem Koks-Deal, als Zielscheibe eines Shitstorms im Netz oder bei einer Partynacht im SM-Club. Die Macherinnen und Macher werden mit ihrer subjektiven Erzählweise Zuschauerinnen und Zuschauern auch mal vor den Kopf stoßen. Sie bauen Klischees in den Filmen auf, um sie postwendend zu brechen. Neue Sichtweisen sollen sich eröffnen. Die Filme wollen, sollen, ja sie müssen polarisieren, denn das macht gute Geschichten aus. Die Folgen der ersten Rabiat-Staffel (jeweils um 22:45 Uhr im Ersten):

– 30. April: Drogenrepublik Deutschland – 7. Mai: Netzwerk Pervers – 14. Mai: Geld. Macht. Glück – 28. Mai: Türken, entscheidet Euch! – 4. Juni: Hass ist ihr Hobby – 11. Juni: Unter Pädophilen

Die Pressemappe zum neuen Radio Bremen-Reportageformat „Rabiat“ im Ersten kann beim

– Pressedienst Radio Bremen (http://ots.de/AYP6D7) und – Pressedienst Das Erste (https://presse.daserste.de/)

abgerufen werden.

Die Fotos sind bei ARD Foto (http://www.ard-foto.de/) und die aktualisierte Fassung des Films im Vorführraum des Pressedienstes Das Erste (https://presse.daserste.de/pages/vorfuehrraum/liste.aspx) abrufbar.

Quellenangaben

Textquelle:Radio Bremen, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/118095/3952587
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