Nicht genial, sondern gefährlich

Regensburg (ots) – Zugegeben, die „Hau-den-Trump“-Berichterstattung hat ihre Halbwertzeit erreicht. Weil sie in der Regel wenig neue Erkenntnisse liefert, kommt sie zuweilen daher wie ein Abdecker, der auf ein totes Pferd einprügelt. Die intellektuelle Langeweile, die damit einhergeht, macht allerdings das Gegenteil nicht richtig. Das ist der Irrtum, dem diejenigen unterlagen, die in Trumps amateurhaften Außen- und Sicherheitspolitik etwas Geniales zu entdecken vermochten. Ganz zu schweigen von denen, die den selbst ernannten „Meister des Deals“ mit viel Wortgeklingel zu einem kreativen Geist machten, der einer verstaubten Elite zeigt, wie es wirklich geht. Donald Trump schaffte es, den Wunderglauben an die magischen Künste seiner „Ich-Diplomatie“ über die Grenzen des Kontinents hinaus zu verbreiten. Auch in Europa hofften am Ende nicht wenige, der unkonventionelle Ansatz des Präsidenten habe geschafft, was seine Vorgänger über 65 Jahre nicht vermochten. Die plötzliche Absage des Gipfels entzaubert den zum „Hipster der Diplomatie“ verklärten Trump zu dem, was er schon immer war: Ein Blender und Scharlatan, der seine Taktiken aus dem Sumpf der New Yorker Baubranche in die große Politik überträgt. Das Muster lässt sich inzwischen klar beschreiben. Trump schafft immer erst Bedingungen oder stellt Forderungen, die so extrem daherkommen, dass sie Empörung auslösen. Im Fall Nordkoreas drohte er „dem kleinen Raketenmann“ mit der „totalen Zerstörung“, falls er seine Atomwaffen nicht aufgebe. Dann ergreift er „überraschende“ Initiativen, die auf Moderation hindeuten. Dazu gehört die Annahme der Idee eines Gipfeltreffens und das öffentliche Bauchpinseln eines brutalen Diktators. Der nächste Schritt hängt dann von der Reaktion ab. Fällt diese nicht wie gewünscht aus, kommt der Rückzieher zur Ausgangsposition. Wobei sich Trump stets eine Hintertür offenlässt. Das entspricht in diesem Fall dem Absagebrief und die ambivalenten Äußerungen. Lenkt die andere Seite dagegen weit genug ein, überschüttet sie Trump mit Lob und feiert seinen Deal. Leider funktioniert Weltpolitik nicht wie die New Yorker Bauwelt. Deshalb ist Trumps „Ich-Diplomatie“ auch nicht genial, sondern schlicht vermessen. Ein Gipfel mit Kim hätte nach den klassischen Regeln der Außenpolitik sonst am Ende eines sorgfältig geplanten Verhandlungsprozesses gestanden, nicht am Anfang. Die verächtlich zur Seite gestoßenen Experten hätten die Prämissen solcher Verhandlungen richtig gesetzt. Dass Kim Jong-Un tatsächlich die Atomwaffen aufgeben würde, die sein Regime gegen die Supermacht immunisierten, glaubte kaum jemand, der nur rudimentär etwas von dem Sicherheitsstreben der Kim-Dynastie versteht. Auf einer solchen Grundlage konnten Verhandlungen deswegen auch keinen Erfolg haben. Das Problem mit Trumps „Ich“-Diplomatie besteht darin, dass anders als in der Immobilien-Welt nicht bloß ein Deal durchfällt. Der Präsident steht in Nordkorea vor einem Scherbenhaufen, von dem er sich nicht einfach weggehen kann. Hätte er die Profis rangelassen, wäre genau diese Situation vermieden worden. So hat sich der selbstherrliche Trump mit seinem amateurhaften Vorgehen in eine Sackgasse manövriert, die eine Eskalation auf der koreanischen Halbinsel wahrscheinlicher macht. Zumal er nun den „schwarzen Peter“ in der Hand hält. So langweilig es auch sein mag, darauf hinzuweisen: Das ist das gefährliche Ergebnis, wenn Vermessenheit eine durchdachte Strategie ersetzt.

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